Das Südausrichtungs-Dogma und seine Grenzen#

Wer in Deutschland eine PV-Anlage plant, denkt reflexartig an Südausrichtung und 30 bis 35 Grad Neigung. Das gilt als optimal für den Jahresertrag. Stimmt auch. Nur beantwortet diese Optimierung die falsche Frage.

Nicht wie viel Strom produziert wird, entscheidet über die Wirtschaftlichkeit, sondern wann. Eine Südanlage liefert ihren Spitzenstrom zwischen 11 und 14 Uhr. Die meisten Haushalte sind dann leer. Der Wechselrichter schickt den Großteil ins Netz, zum Einspeisesatz von 7,78 Cent pro kWh bei Neuanlagen bis 10 kWp (Stand 2025). Das sind rund 20 Cent weniger, als selbst verbrauchter Strom wert wäre.

Jede kWh, die ins Netz geht statt im Haus zu bleiben, kostet real die Differenz. Das summiert sich.

„Die Frage ist nicht, wie viel Ihre Anlage produziert. Die Frage ist, wann sie produziert, und ob dann jemand zu Hause ist."

Technik

Wie Ost-West technisch funktioniert#

Bei einer Ost-West-Anlage verteilen sich die Module auf zwei Dachflächen. Eine Hälfte zeigt nach Osten, die andere nach Westen. Beide Seiten arbeiten zeitversetzt. Das Ergebnis: ein flacheres, aber deutlich breiteres Ertragsprofil.

  • Ost-Module produzieren ihren Spitzenstrom von 7 bis 11 Uhr, genau dann, wenn Haushalte aufwachen, duschen, frühstücken und das Auto laden.
  • West-Module liefern ihren Höchstertrag von 15 bis 19 Uhr, wenn die Familie heimkommt, gekocht wird und Waschmaschine und Trockner laufen.
  • Der mittägliche Peak fällt deutlich flacher aus, weniger Netzeinspeisung, geringere Belastung für den Netzbetreiber.

Konkret: Eine 10-kWp-Südanlage kann zwischen 12 und 13 Uhr kurzzeitig 9 bis 10 kW einspeisen. Kein Haushalt verbraucht in dieser Stunde auch nur annähernd so viel. Eine 10-kWp-Ost-West-Anlage (5 kWp je Seite) erzielt denselben Tagesertrag, aber über 10 bis 12 Stunden verteilt statt 6 bis 7.

Hinweis zur Ertragssimulation: Tools wie PVGIS der EU-Kommission berechnen Ost-West-Konfigurationen kostenlos. Ein seriöser Solarinstallateur legt diese Simulation vor jedem Angebot vor, wer das nicht tut, sollte gewechselt werden.

Eigenverbrauch & Wirtschaftlichkeit

Eigenverbrauchsquote: Der entscheidende Vergleich#

Ost-West-Anlagen erzielen ohne Batteriespeicher typischerweise einen Eigenverbrauch von 35 bis 45 %. Vergleichbare Südanlagen kommen oft nur auf 25 bis 35 %. Die bessere zeitliche Deckung zwischen Produktion und Verbrauch macht den Unterschied.

Ein Rechenbeispiel mit echten Zahlen:

Kennzahl Südanlage 10 kWp Ost-West 10 kWp
Jahresertrag ca. 9.500 kWh ca. 8.500 kWhca. 10 % weniger
Eigenverbrauchsquote 30 % 40 %
Selbst genutzter Strom 2.850 kWh 3.400 kWh
Ersparnis Eigenverbrauchbei 30 Ct/kWh 855 € 1.020 €
Einspeisung 6.650 kWh × 7,70 Ct = 512 € 5.100 kWh × 7,70 Ct = 393 €
Gesamtbilanz/Jahr 1.394 € 1.434 €+40 € trotz weniger Ertrag

Das Ergebnis überrascht viele: Die Ost-West-Anlage erzeugt 1.000 kWh weniger, und landet trotzdem 40 Euro über der Südanlage. Der Grund ist simpel: Eigenverbrauch ist fast viermal so wertvoll wie Einspeisung. Wer das versteht, denkt die Ausrichtungsfrage anders.

Das Marktstammdatenregister zeigt, dass der Anteil der Ost-West-Anlagen unter Neuinstallationen seit 2022 deutlich gestiegen ist, kein Zufall.

Anwendungsfälle

Wann lohnt sich Ost-West besonders?#

Nicht jede Situation macht Ost-West zur besseren Wahl. Diese fünf Konstellationen sprechen klar dafür:

  • Flaches oder flach geneigtes Dach: Mit 10 bis 15 Grad Neigung verschatten sich Module nicht gegenseitig. Mehr Module pro Quadratmeter, bessere Flächenausnutzung.
  • Elektroauto mit Wallbox: Überschussladen morgens (Ost-Strom) oder abends nach der Heimkehr (West-Strom) deckt sich direkt mit den Produktionsspitzen.
  • Wärmepumpe im Haus: Warmwasseraufbereitung lässt sich morgens mit Ost-Strom oder nachmittags mit West-Strom günstig steuern, ohne Speicher.
  • Kein oder kleiner Speicher geplant: Ein Batteriespeicher hebt den Eigenverbrauch einer Südanlage künstlich an, kostet aber 8.000 bis 15.000 Euro. Ost-West erreicht ähnliche Eigenverbrauchsquoten ohne diesen Aufwand.
  • Home-Office oder Personen ganztags zu Hause: Dann profitieren Sie zusätzlich von der mittäglichen Produktion beider Seiten gleichzeitig.

Technische Besonderheiten und Planung#

Da Ost- und West-Module nie gleichzeitig ihren Spitzenstrom liefern, kann ein einzelner Wechselrichter beide Seiten bedienen, vorausgesetzt, er hat zwei unabhängige MPP-Tracker (Maximum Power Point Tracker). Das ist kein optionales Extra: Zwei MPP-Tracker sind Pflicht. Moderne Multi-String-Wechselrichter von SMA, Fronius oder Huawei bringen das standardmäßig mit.

Mikrowechselrichter und DC-Optimierer

Sind die Dachflächen stark unterschiedlich verschattet, etwa durch Schornsteine, Gauben oder Nachbarbäume, sind Mikrowechselrichter (Enphase) oder DC-Optimierer (SolarEdge) die bessere Wahl. Diese Systeme optimieren jedes Modul einzeln. Ein verschattetes Modul bremst dann nicht die gesamte Ost- oder Westseite.

Anmeldung im Marktstammdatenregister

Bei Ost-West-Anlagen werden beide Ausrichtungen im Marktstammdatenregister separat eingetragen. Die Einspeisevergütung gilt unabhängig von der Ausrichtung, entscheidend ist der EEG-Satz zum Inbetriebnahmezeitpunkt.

Speicher & Zukunft

Ost-West plus Speicher: Die Kombination der Zukunft#

Wer zusätzlich einen Batteriespeicher plant, profitiert von Ost-West doppelt. Der Speicher beginnt morgens früher mit dem Laden (Ost-Strom) und kann abends länger laden (West-Strom). Er muss nicht den gesamten Mittagspeak einer Südanlage puffern.

Das hat einen praktischen Effekt: Der Speicher wird kontinuierlicher be- und entladen. Weniger Tiefenzyklen, weniger Stress für die Batterie. Die Lebensdauer steigt, ohne Mehrkosten.

Fazit: Die Ost-West-Ausrichtung ist keine Kompromisslösung. In vielen Fällen ist sie die klügere Wahl. Wer seinen Eigenverbrauch maximieren will, ohne teuren Batteriespeicher, sollte die Ausrichtung gemeinsam mit einem erfahrenen Fachbetrieb durchrechnen. Die Zahlen sprechen oft für sich.