Wer eine PV-Anlage, eine Wärmepumpe und eine Wallbox betreibt, hat drei Geräte, aber keinen Dirigenten. Jedes arbeitet für sich. Die Wärmepumpe heizt, wenn sie möchte. Die Wallbox lädt, wann das Auto angesteckt wird. Die PV speist ein, was gerade übrig ist. Das Ergebnis: Viel mehr Netzstrom als nötig, weil die Eigenproduktion nicht koordiniert wird.
Ein HEMS ändert das. Es sitzt zwischen allen Geräten, sieht in Echtzeit, was die PV produziert, was das Haus verbraucht und was noch verfügbar ist, und verteilt entsprechend. Klingt simpel, hat aber messbaren Effekt: Je nach Konfiguration steigt der Eigenverbrauchsanteil um 20 bis 35 Prozentpunkte.
Was ist ein HEMS?
HEMS steht für Home Energy Management System. Es ist eine Software-Hardware-Kombination, die alle Energieflüsse im Haushalt überwacht und, je nach Ausführung, automatisch steuert. Im Kern besteht ein HEMS aus:
- Einem zentralen Gateway oder einer lokalen Box
- Energiemessgeräten an den relevanten Verbrauchern
- Schnittstellen zu steuerbaren Geräten (WP via SG Ready, Wallbox via OCPP oder proprietär, Speicher via CAN/Modbus)
- Einer Steuerlogik (regelbasiert oder KI-gestützt)
Einfache Systeme zeigen nur an und geben Empfehlungen. Vollautomatische Systeme greifen aktiv ein, sie verschieben Waschmaschinen-Starts in PV-Überschusszeiten, laden die Wallbox mit dem, was die Sonne produziert, und lassen die Wärmepumpe in teuren Netzstromphasen pausieren.
Wie funktioniert es technisch?
Das HEMS liest über Schnittstellen den Ist-Zustand aller angeschlossenen Geräte aus. Dafür gibt es verschiedene Protokolle:
- SG Ready: Zwei-Bit-Schnittstelle für Wärmepumpen, der Standard bei neueren Wärmepumpen in Deutschland. Das HEMS schaltet zwischen 4 Betriebsmodi.
- Modbus TCP/RTU: Industriestandard für Wechselrichter, Speicher und viele WP-Modelle.
- OCPP: Protokoll für Ladestationen, das HEMS kann Ladeleistung und -zeiten steuern.
- REST-API / Cloud-Kopplung: Viele modernen Geräte bieten eigene APIs. Nicht alle HEMS unterstützen alle Geräte.
Anbieter im Überblick
| Anbieter | Kosten (Hardware+SW) | Stärken | Einschränkungen |
|---|---|---|---|
| SolarEdge Home Hub | ab 800 € | Tight integration mit eigenem WR + Speicher | Nur SolarEdge-Ökosystem |
| Loxone | 1.500 bis 5.000 € | Vollständige Hausautomation + Energie | Komplex, Installateur nötig |
| my-PV AC ELWA / THOR | 500 bis 900 € | PV-Überschuss für Warmwasser | Nur Warmwasser, kein vollständiges HEMS |
| Viessmann ViCare + HEMS | ab 600 € | Gut für Viessmann-WP, einfache Bedienung | Hersteller-gebunden |
| SMA Energy System Home | ab 700 € | Breite WR-Kompatibilität, Modbus-Support | Preislich im oberen Bereich |
| SENEC Home Manager | im Speicher inkl. | Gut mit SENEC-Speicher integriert | Nur mit SENEC-Produkten |
Für herstellerübergreifende Setups (unterschiedliche WR-, WP- und Wallbox-Hersteller) sind offene Systeme wie evcc (Open Source, kostenlos) oder SMA Home Manager die bessere Wahl. evcc läuft auf einem Raspberry Pi und unterstützt hunderte Geräte, erfordert aber technisches Interesse bei der Einrichtung.
Für wen lohnt sich ein HEMS?
Ein HEMS lohnt sich, wenn mindestens zwei dieser drei Verbraucher im Haushalt sind:
- PV-Anlage mit mehr als 5 kWp
- Wärmepumpe oder Warmwasser-Wärmepumpe
- Wallbox für ein Elektroauto
Nur PV und kein weiterer steuerbarer Verbraucher? Dann bringt ein HEMS wenig, der Batteriespeicher-Regler übernimmt die Optimierung. Erst mit mehreren flexiblen Lasten entfaltet die Koordination ihren Mehrwert.
Rechenbeispiel: Haushalt mit 8 kWp PV, Wärmepumpe und Wallbox. Ohne HEMS Eigenverbrauchsquote 35%, mit HEMS 55 bis 60%. Bei 4.000 kWh Jahreseigenverbrauch mehr und einem Netzeinsparungswert von 0,28 €/kWh: ~1.120 Euro mehr im Jahr. Ein mittelgroßes HEMS für 800 Euro amortisiert sich in unter einem Jahr.
Integration mit PV, Wärmepumpe und Wallbox
PV und Speicher
Das HEMS liest PV-Produktion und Speicher-SoC aus. Es entscheidet, ob Überschuss in den Speicher geht, die Wallbox lädt oder zur Wärmepumpe soll. Wichtig: Das HEMS darf den Speicher nicht bis 0% entleeren, sonst fehlt Notstromreserve in der Nacht.
Wärmepumpe via SG Ready
SG Ready hat 4 Modi: gesperrt, normaler Betrieb, Einschaltempfehlung bei Überschuss, Zwangsbetrieb bei sehr günstigem Strom (z. B. Negativpreisen). Das HEMS schaltet die WP in Modus 3, wenn PV-Überschuss vorliegt, die WP heizt dann mehr oder aktiviert Warmwasser-Boost. Das speichert Wärme, bevor der Strom teuer wird.
Wallbox und dynamischer Tarif
Wallboxen mit OCPP-Schnittstelle lassen sich vom HEMS nach Überschuss und Börsenstrompreis steuern. Wer einen dynamischen Stromtarif hat (z. B. Tibber), kann das HEMS anweisen: Laden nur bei Strompreis unter X Cent/kWh. Das reduziert Ladekosten deutlich, besonders nachts bei niedrigen Börsenstrompreisen. Den aktuellen Börsenstrompreis im Tagesverlauf sehen Sie in unserer Live-Übersicht.
Häufige Fragen
Was kostet ein Home Energy Management System?
Ein HEMS kostet typischerweise 500 bis 3.000 € inklusive Installation. Herstellergebundene Systeme starten bei Viessmann ab 600 €, SMA ab 700 € und SolarEdge ab 800 €, eine vollständige Hausautomation wie Loxone liegt bei 1.500 bis 5.000 €. Die Open-Source-Lösung evcc ist kostenlos, läuft auf einem Raspberry Pi und erfordert technisches Interesse bei der Einrichtung.
Lohnt sich ein HEMS und wie schnell amortisiert es sich?
Ein HEMS lohnt sich, wenn mindestens zwei dieser drei Verbraucher im Haushalt sind: PV-Anlage mit mehr als 5 kWp, Wärmepumpe oder Wallbox. Bei der Kombination aus PV, Wärmepumpe und Wallbox liegt die Amortisationszeit typisch bei 3 bis 6 Jahren. Im Rechenbeispiel des Artikels amortisiert sich ein HEMS für 800 Euro sogar in unter einem Jahr, weil rund 1.120 Euro Ersparnis pro Jahr zusammenkommen.
Wie viel Strom spart ein HEMS wirklich?
Ein HEMS steigert den Eigenverbrauchsanteil um 20 bis 35 Prozentpunkte und senkt die Stromkosten typisch um 15 bis 25 %. Im Rechenbeispiel steigt die Eigenverbrauchsquote eines Haushalts mit 8 kWp PV, Wärmepumpe und Wallbox von 35% auf 55 bis 60%. Bei 4.000 kWh mehr Eigenverbrauch und einem Netzeinsparungswert von 0,28 €/kWh ergibt das rund 1.120 Euro im Jahr.
Welche Voraussetzungen braucht ein HEMS im Haus?
Voraussetzung sind ein Smart Meter und kompatible Geräte. Vor dem Kauf sollte geprüft werden, welche Protokolle die eigenen Geräte unterstützen: SG Ready für die Wärmepumpe, Modbus TCP/RTU für Wechselrichter und Speicher, OCPP für die Wallbox. Ein HEMS, das nicht mit der eigenen Wärmepumpe spricht, ist nur eine teure Übersichtsanzeige.
Wie steuert ein HEMS die Wärmepumpe über SG Ready?
Das HEMS steuert die Wärmepumpe über SG Ready, die Zwei-Bit-Schnittstelle und den Standard bei neueren Wärmepumpen in Deutschland. Es schaltet darüber zwischen 4 Betriebsmodi: gesperrt, normaler Betrieb, Einschaltempfehlung bei Überschuss und Zwangsbetrieb bei sehr günstigem Strom. Liegt PV-Überschuss vor, heizt die Wärmepumpe mehr oder aktiviert den Warmwasser-Boost und speichert so Wärme, bevor der Strom teuer wird.
Welches HEMS ist besser bei Geräten verschiedener Hersteller?
Für herstellerübergreifende Setups mit unterschiedlichen Wechselrichter-, Wärmepumpen- und Wallbox-Herstellern sind offene Systeme wie evcc oder der SMA Home Manager die bessere Wahl. evcc ist Open Source, kostenlos, läuft auf einem Raspberry Pi und unterstützt hunderte Geräte, erfordert aber technisches Interesse bei der Einrichtung. Herstellergebundene Systeme wie SolarEdge oder SENEC funktionieren nur im eigenen Ökosystem.
Quellen & weiterführende Informationen
- VDE, Smart Energy Home, Schnittstellen und Standards für Heimenergiesysteme, 2024
- BSW Solar, Eigenverbrauchsoptimierung, Potenziale und Systeme, 2025
- evcc, Open-Source Home Energy Management, Dokumentation, 2025
- SMA, Home Energy Management System Überblick und Kompatibilitätsliste, 2025
- Fraunhofer ISE, Sektorkopplung im Haushalt, Effizienzpotenziale durch HEMS, 2024