Das Projekt in Hannover: Kurzüberblick#

Die enercity AG, kommunaler Energieversorger Hannovers, hat am 23. April 2026 eine der größten kommunalen Wärmepumpen Deutschlands in Betrieb genommen. Die 30-Megawatt-Anlage steht auf dem Gelände der Kläranlage Herrenhausen und nutzt die Abwärme des gereinigten Abwassers. Bis Ende 2026 soll die Wärmepumpe rund 130 Gigawattstunden klimaneutrale Fernwärme liefern, damit den nordöstlichen Teil des städtischen Fernwärmenetzes dekarbonisieren und bisher eingesetzte Kohlewärme schrittweise ersetzen.

Das Gesamtinvestitionsvolumen liegt bei rund 50 Millionen Euro, co-finanziert durch das Bundesförderprogramm BEW (Bundesförderung effiziente Wärmenetze). Der politische Kontext: Hannover hat seine kommunale Wärmeplanung Anfang 2026 abgeschlossen und verpflichtet sich zu einer vollständig klimaneutralen Fernwärmeversorgung bis 2035.

Wie funktioniert die Abwasser-Wärmepumpe?#

Das Verfahren ist technisch klassisch, nur im Maßstab anders als eine Haus-Wärmepumpe. Im Kern passiert Folgendes:

  • Wärmequelle Abwasser: Nach der biologischen Reinigung hat das Abwasser eine Temperatur von 12 bis 18 Grad Celsius, im Winter etwas niedriger, im Sommer höher. Ein großer Plattenwärmetauscher entzieht dem Wasserstrom rund 5 bis 8 Grad Celsius Wärme und kühlt es auf 7 bis 10 Grad Celsius ab, bevor es in die Leine geleitet wird.
  • Kältemittelkreislauf: Die entzogene Wärme verdampft ein Kältemittel (in der Hannoveraner Anlage: Ammoniak R717, für Großwärmepumpen Standard). Das verdampfte Kältemittel wird durch einen zentralen Kompressor auf 15 bis 25 Bar verdichtet.
  • Wärmeabgabe an Fernwärmenetz: Im Kondensator gibt das hochverdichtete Kältemittel seine Wärme an das Fernwärmenetz ab, wobei Vorlauftemperaturen von 85 bis 95 Grad Celsius erreicht werden. Das ist für die Einspeisung in den Vorlaufkreis ausreichend.
  • COP 3,0 bis 3,8: Die Coefficient of Performance (COP) der Anlage liegt je nach Saison zwischen 3 und 3,8. Für 1 Kilowattstunde Strom erzeugt die Wärmepumpe also 3 bis 3,8 Kilowattstunden Wärme. Jahresarbeitszahl (JAZ) wird bei rund 3,5 erwartet.

Warum das Konzept auf andere Städte übertragbar ist#

Abwasser-Wärmepumpen sind keine experimentelle Technologie. In Skandinavien (Stockholm, Helsinki) und der Schweiz (Zürich) laufen vergleichbare Anlagen seit mehr als 15 Jahren erfolgreich. In Deutschland waren bis 2023 nur wenige Projekte realisiert, nun zieht das Thema an, weil kommunale Wärmeplanung und BEW-Förderung den politischen Hebel bieten.

Rahmenbedingungen für die Übertragbarkeit auf andere Städte:

  • Mindestgröße der Kläranlage: Ab 10.000 Einwohner-Einzugsgebiet wirtschaftlich denkbar. Für eine 1-Megawatt-Wärmepumpe werden rund 200 Kubikmeter Abwasser pro Stunde benötigt. Die meisten deutschen Mittelstädte erfüllen das.
  • Nähe zum Fernwärmenetz: Je näher Kläranlage und Fernwärmenetz, desto geringer die Verlegungskosten für Verbindungsrohre. Einige Stadtwerke bauen alternativ Nahwärmenetze direkt um die Kläranlage herum.
  • Abnahme durch Fernwärmekunden: Ein Fernwärmenetz mit wachsendem Anschlussgrad (Neubau, Sanierungsanschluss) macht die Wirtschaftlichkeit robuster.
  • Förderkulisse: Das BEW-Programm des Bundes fördert bis zu 40 Prozent der Investitionskosten. Die KfW ergänzt mit zinsgünstigen Krediten. Ohne Förderung wäre die Wirtschaftlichkeit aktuell grenzwertig.

Was bedeutet das für private Hauseigentümer?#

Für Privatkunden, die außerhalb Hannovers wohnen, ist das Projekt zunächst ein Zeichen: Die Wärmewende im urbanen Raum ist technisch realisierbar und läuft zunehmend. Das stärkt die politische und regulatorische Unterstützung für alle Wärmepumpen-Lösungen, auch im Eigenheim.

Direkt betroffen sind Hannoveraner, die an das städtische Fernwärmenetz angeschlossen sind oder den Anschluss planen. Für sie wird der Wärmebezug ab Ende 2026 zu einem wachsenden Anteil klimaneutral. Der Wärmepreis bleibt kurzfristig stabil, wird mittelfristig aber weniger stark durch den CO2-Preis belastet als bei reinen Gasnetzen.

Für Privathaushalte außerhalb von Fernwärmenetzen bleibt die eigene Wärmepumpe im Haus die zentrale Lösung. Die Entscheidungslogik und Förderung dazu sind im Ratgeber zur Wärmepumpenförderung bis 70 Prozent dargestellt. Alternativ bieten sich Sole-Wasser-Wärmepumpen mit Erdwärme an, die technisch ähnlich funktionieren wie die Großanlage in Hannover, nur mit Erdreich statt Abwasser als Quelle.