Die Energiewende ist das größte Infrastrukturprojekt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und wie bei jedem großen Umbau gibt es Gewinner und Verlierer. Das Unbehagen wächst: Wer hat von den jahrelangen EEG-Förderungen profitiert? Wer zahlt die steigenden Netzkosten? Und ist das eigentlich gerecht?

Eine nüchterne Bestandsaufnahme, ohne politische Wertung, aber mit klaren Zahlen.

Was kostet die Energiewende?

Die Kosten der Energiewende lassen sich nicht auf eine Zahl reduzieren, zu viele Elemente sind verteilt. Aber einige Größenordnungen helfen:

  • EEG-Förderkosten 2000 bis 2024: Rund 250 Milliarden Euro an Vergütungen für Wind, Solar und Biogas, finanziert über die EEG-Umlage (jetzt Bundeshaushalt)
  • Netzausbau bis 2030: Schätzung der Bundesnetzagentur: 65 bis 100 Milliarden Euro allein für Übertragungsnetz
  • Verteilnetzausbau für E-Mobilität und WP: Weitere 100 Milliarden Euro bis 2040 geschätzt
  • Kapazitätsmarkt und Gaskraftwerke als Backup: noch nicht vollständig beziffert; wie das System funktioniert, erklärt der Überblick Kapazitätsmarkt einfach erklärt

Gegengerechnet werden müssen: Eingesparte Brennstoffimporte, niedrigere CO₂-Kosten langfristig und sinkende Gestehungskosten bei Wind und Solar. Die volkswirtschaftliche Bilanz ist komplex. Die Verteilung der Kosten auf verschiedene Gruppen aber ist klarer.


Die Profiteure

Eigenheimbesitzer mit PV

Wer zwischen 2010 und 2020 eine PV-Anlage installiert hat, bekommt noch heute 25 bis 50 Ct/kWh EEG-Vergütung, zu einer Zeit, wo neue Anlagen nur noch 8 Ct/kWh bekommen. Das war politisch gewollt, um den Markt zu entwickeln. Das Resultat: Eine Generation von Eigenheimbesitzern profitiert von garantierten 20-jährigen Renditen, die heute kaum noch erzielbar wären.

Auch aktuell gilt: Wer eine PV-Anlage besitzt und Eigenverbrauch optimiert, zahlt pro kWh deutlich weniger als jemand ohne PV. Der Eigenverbrauch spart Netzentgelt, Abgaben und Steuern.

Unternehmen mit Eigenstromerzeugung

Große Industriebetriebe, die eigenen Strom erzeugen und verbrauchen, sind von einem Großteil der Abgaben befreit. Das ist strukturell ähnlich wie bei Privathaushalten, aber in noch größerem Maßstab.

Anlagenbauer und Installateure

Die Energiewende hat eine starke Industrie geschaffen: Windturbinen-Hersteller, PV-Installateure, Wärmepumpen-Anbieter, Speicher-Hersteller. Hunderttausende Arbeitsplätze, steigende Umsätze. Für diese Branchen ist die Energiewende ein Konjunkturprogramm.


Die strukturell Benachteiligten

Mieter ohne Balkonsolar-Option

Wer zur Miete wohnt, hat keinen Zugang zu Dachflächen, kann keine PV installieren und profitiert kaum von Eigenverbrauchsoptimierung. Gleichzeitig trägt er über die Miete (wenn Vermieter Nebenkosten umlegen) und über seinen Strompreis volle Netzkosten. Balkonsolar ist ein kleiner Ausweg, aber kein struktureller Ausgleich.

Das ist kein Zufall: Die Energiewende wurde institutionell für Eigenheimbesitzer konzipiert. Die Mieterdimension wurde lange vernachlässigt, das Mieterstrom-Modell ist ein erster Schritt zur Korrektur.

Haushalte mit niedrigem Einkommen

Strom ist ein Grundbedarf. Der Anteil der Stromkosten am verfügbaren Einkommen ist bei Haushalten mit niedrigem Einkommen 3 bis 4× höher als bei wohlhabenden Haushalten. Gleichzeitig können Geringverdiener kaum in PV-Anlagen investieren, die langfristig günstiger machen.

Die Energiewende ist bisher hauptsächlich eine Wohlstandswende. Wer Kapital für Investitionen hat, profitiert. Wer keines hat, zahlt.

Ältere Kraftwerksbetreiber und konventionelle Energiebranche

RWE, E.ON (jetzt Uniper), Vattenfall, die alten Energieversorger haben Milliarden in Kohle- und Gaskraftwerke investiert, die durch die Energiewende entwertet wurden. Teilweise gab es staatliche Entschädigungen, aber der strukturelle Wandel war schmerzhaft. Das ist kein Mitleidsargument, es ist die Realität einer großen Transformation.


Industrie: Sonderregeln und Privilegien

Energieintensive Industrien (Stahl, Aluminium, Chemie) sind von einem Großteil der Netzentgelte und früher auch der EEG-Umlage befreit. Das hat einen legitimen Hintergrund: internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Aber es bedeutet auch: Die Kosten werden auf andere Verbraucher umgelegt.

In der Praxis zahlt ein mittelständischer Handwerksbetrieb prozentual deutlich mehr Netzentgelt pro kWh als ein BASF-Werk, das direkt am Hochspannungsnetz hängt. Das ist juristisch legal, aber politisch umstritten.


Was Einzelne tun können

Die politische Verteilung der Energiewendekosten lässt sich nicht durch individuelle Entscheidungen umkehren. Aber man kann sich positionieren:

  • PV + Eigenverbrauch: Schützt vor steigenden Netzentgelten und Abgaben
  • Wärmepumpe: Ersetzt teuren Heizöl/Gas durch steuerbaren Strom, der flexibel günstiger wird
  • Paragraph 14a-Registrierung: Jährlichen Netzentgelt-Rabatt mitnehmen
  • Dynamischer Tarif: Flexible Preise nutzen statt fixem Arbeitspreis zahlen

Das sind keine Wundermittel. Aber sie verschieben das individuelle Ergebnis innerhalb eines ungerechten Systems in eine bessere Richtung.

Häufige Fragen

Was kostet die Energiewende in Deutschland pro Jahr?

Die Energiewende kostet Deutschland jährlich rund 30 bis 40 Milliarden Euro an direkten Subventionen und Netzausbaukosten. Die EEG-Förderung summiert sich seit 2000 auf rund 250 Milliarden Euro. Dazu kommt der Netzausbau: Die Bundesnetzagentur schätzt allein für das Übertragungsnetz bis 2030 weitere 65 bis 100 Milliarden Euro.

Wer profitiert am meisten von der Energiewende?

Die klarsten Profiteure sind Eigenheimbesitzer mit PV-Anlage, die durch Eigenverbrauch Netzentgelt, Abgaben und Steuern sparen. Außerdem profitieren Anlagenbauer und Installateure, für die die Energiewende ein Konjunkturprogramm ist. Auch Unternehmen mit eigener Stromerzeugung sind von einem Großteil der Abgaben befreit, energieintensive Industrien von einem Großteil der Netzentgelte.

Wie viel EEG-Vergütung bekommen alte PV-Anlagen im Vergleich zu neuen?

Wer zwischen 2010 und 2020 eine PV-Anlage installiert hat, bekommt noch heute 25 bis 50 Ct/kWh EEG-Vergütung, während neue Anlagen nur noch 8 Ct/kWh erhalten. Diese hohen Sätze waren politisch gewollt, um den Markt zu entwickeln. Das Ergebnis sind garantierte 20-jährige Renditen, die heute kaum noch erzielbar wären.

Warum sind Mieter bei der Energiewende benachteiligt?

Mieter haben keinen Zugang zu Dachflächen, können keine PV-Anlage installieren und profitieren kaum von Eigenverbrauchsoptimierung, tragen aber über den Strompreis die vollen Netzkosten. Die Energiewende wurde institutionell für Eigenheimbesitzer konzipiert. Balkonsolar ist nur ein kleiner Ausweg, das Mieterstrom-Modell ein erster Schritt zur Korrektur.

Wie kann ich mich als Hausbesitzer vor steigenden Stromkosten durch die Energiewende schützen?

Die wirksamste Einzelmaßnahme ist eine PV-Anlage mit Eigenverbrauch: Selbst verbrauchter Strom spart 32 ct/kWh, weil Netzentgelt, Abgaben und Steuern entfallen. Zusätzlich helfen eine Wärmepumpe statt Heizöl oder Gas, die Paragraph-14a-Registrierung mit jährlichem Netzentgelt-Rabatt und ein dynamischer Stromtarif mit flexiblen Preisen.

Warum zahlt die Industrie weniger Netzentgelte als private Haushalte?

Energieintensive Industrien wie Stahl, Aluminium und Chemie sind von einem Großteil der Netzentgelte befreit, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Diese Kosten werden auf andere Verbraucher umgelegt. In der Praxis zahlt ein mittelständischer Handwerksbetrieb prozentual deutlich mehr Netzentgelt pro kWh als ein Werk, das direkt am Hochspannungsnetz hängt.

Quellen & weiterführende Informationen